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Mutmacher, Wegbegleiter und Vorbilder – „Kein Kind zurücklassen!“

„So sehen 2016 auch Deutsche aus“, mit dem Satz beeindruckte Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster) am Anfang der gelungenen Podiumsdiskussion „Verborgene Talente“ mit 140 Zuhörern im Schlossrestaurant Corvey. Er wies auf die drei Mitdiskutanten und auf Moderatorin Asli Sevindim (WDR) auf dem Podium hin, die den Durchbruch als Migranten geschafft hätten.

Die faire Chance auf dem Bildungs- und Berufsweg für alle - wie erreichen wir das? Über diese Frage diskutierte eine hochkarätige Expertenrunde am Freitag, 26. Februar 2016, auf Einladung des Kommunalen Integrationszentrums des Kreises Höxter (KI).

„Unentdeckte Potenziale von Kindern und Jugendlichen zu fördern ist besonders vor dem Hintergrund des demografischen Wandels von großer Bedeutung. Dadurch tragen wir aktiv zur Fachkräftesicherung der Region bei“, betonte Kreisdirektor Klaus Schumacher bei seiner Eröffnungsrede der Veranstaltung.

„Viele talentierte junge Menschen nutzen ihre schulischen und beruflichen Möglichkeiten nicht aus, weil ihnen die familiäre Unterstützung fehlt oder sie nicht an ihre Stärken und Aufstiegschancen glauben“, sagte Suat Yılmaz (stellvertretender Leiter des NRW-Zentrums für Talenterförderung) und fügte hinzu: “Vielen Jugendlichen aus weniger privilegierten Familien fehlt der Mut, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Sie sind noch ohne Ziel oder mit zusätzlichen Aufgaben von Zuhause belastet. Die Talentförderung will diesen jungen Menschen ein Kompass sein und sie sicher auf Erfolgskurs bringen. Ich versuche, den Weg von der Schule in die Hochschule so angenehm und so erfolgreich wie möglich für die jungen Menschen zu gestalten“. Suat Yılmaz ist seit vier Jahren dafür verantwortlich, potentielle Studenten in den Schulen zu orten und für das Projekt zu gewinnen.

Gelebte Integration - Die deutschen Omas der Migrantenkinder
„Nur etwa ein Viertel der Kinder, deren Eltern keine akademische Ausbildung absolviert haben, beginnt beispielsweise nach der Schule ein Hochschulstudium. Besonders Kinder aus Zuwandererfamilien erwerben seltener einen akademischen Abschluss“, sagte Engin Olguner (Vizepräsident der Stiftung „BILDUNG! EĞITIM!“) und erzählte weiterhin: „Motivation und das Aufzeigen von Perspektiven ist sehr wichtig, um die Kinder zu „schieben“. Migranten brauchen ehrenamtliche Mentoren, die sie begleiten. Und bei Misserfolgen müssen Menschen besonders die jungen Migranten wieder aufbauen. Ich hatte Oma Hanni aus meiner Nachbarschaft, die mich auf meinem Bildungs- und Lebensweg motiviert und gefördert hat. Jedes Kind braucht eine Oma Hanni“. Engin Olguner arbeitet heute als Ingenieur. Auch seine Geschwister haben alle ein Studium abgeschlossen. Sie sind die Kinder eines jungen Gastarbeiterpaares, das, wie so viele andere, nur für ein paar Jahre ins Land kommen wollte. Zwei aus der türkischen Provinz. Sie Analphabetin, er hatte nicht mehr als eine Grundschule besucht. Ihr Sohn Engin, ist seit 2012 Vizepräsident der Stiftung Bildung/Egitim, die Migranten-Kinder zu mehr Bildung motivieren will. So wie einst Oma Hanni ihn.

Suat Yılmaz wurde in seiner Schulzeit selbst gefördert
„Mein oberster Förderer war meine Mutter. Sie hat an mich geglaubt und mir Selbstbewusstsein gegeben. Mein Vater hat mich immer eher gefordert. Meine Eltern waren also meine ersten Talentscouts. Dann: Lehrer, die mich aus dem System gekickt haben - und einer, der mich wieder reingeholt hat, Herr Pieper von der Hauptschule. Ich war als Gymnasiast in die Sommerferien gegangen, dann wurde ich "ab geschult", und nach den Sommerferien war ich Hauptschüler. Aber Herr Pieper hat gesagt: "Mach' keine Faxen, du schaffst das!" Er hat mir also Selbstbewusstsein gegeben. Und ich hab' gedacht: Wenn der Herr Pieper, ein Schuldirektor und ein Beamter, das sagt - dann muss es ja stimmen!“ erzählte Suat Yılmaz.

„Die Herkunft entscheidet auch heute immer noch über die Schullaufbahn“, betonte der Politologe El-Mafaalani. „Das Fördern von Potenzialen ist nicht nur im Sinne der Bildungsgerechtigkeit wichtig, sondern als Fachkräftesicherung für unsere Ökonomie. Dafür müssen wir unsere Strukturen optimieren. Schule und Hochschule näher zusammenbringen, aber vor allem unsere Haltung ändern. Wir sollten weg von der Einstellung, jungen Menschen nichts zuzutrauen. Das heißt, nicht an der Angst-, sondern Hoffnungsschraube zu drehen“ und berichtete aus Skandinavien, wo der Staat jedem Kind eine Musikausbildung bezahle.

Auch Themen wie Flüchtlinge, Rassismus und aktuelle politische Entwicklungen wurden angesprochen und diskutiert. „Die menschenverachtenden Aktionen, die an vielen Orten in Deutschland gegen Flüchtlinge geschehen, müssen sehr ernst genommen, rechtlich sanktioniert und auch als rechter Terrorismus bezeichnet werden, wenn man beispielsweise an die vielen Brandanschläge denkt. Wir haben natürlich auch ein Problem mit Rassismus in Deutschland, aber das ist nicht neu. Es kann ja niemand ernsthaft glauben, dass diejenigen, die heute Hass und Terror verbreiten, vor einem Jahr weltoffene und besonnene Menschen waren. Rassismus und Integration haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun“, erzählte Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani.

Moderiert wurde der Abend, der von den Unternehmen Goeken backen und ReitzHolding unterstützt wurde, von Aslı Sevindim. Die Journalistin und Moderatorin ist bekannt aus dem Nachrichtenmagazin „Aktuelle Stunde“ im WDR.

Die Teilnehmer hingen förmlich an den Lippen der Diskutanten, kommentierten, lachten und applaudieren über das Geschehen. „So eine lebhafte, informative und begeisternde Veranstaltung haben wir seit langem nicht mehr in Höxter erlebt. Wir hätten noch weitere 2 Stunden die Diskussion anhören können. Wir haben eine Menge neue Einsichten aber auch Bestätigung unserer bisherigen Ansichten erfahren. Wir wünschen uns weitere solche Veranstaltungen mit hochkarätigen Diskutanten. Danke dafür!“ so die Rückmeldungen der Gäste. Mit viel Applaus und Begeisterung bedankten sich die Gäste für die sehr gelungene Veranstaltung bei den Diskutanten und bei den Organisatoren.

Die Podiumsdiskussion wurde durch die musikalische Darbietungen des Scottish & Irish Folk-Sängers James Paterson und von der Jazz-Sängerin und Tänzerin Derya Kaptan eingerahmt. Beide Künstler ernteten viel Applaus. 

Über das Projekt „ meine Talentförderung“
Mit der Talentförderung möchten Hochschulen und Landesregierung dazu beitragen, dass nicht mehr die soziale Herkunft über den Bildungsweg entscheidet. Das im September 2015 neu geschaffene NRW-Zentrum für Talentförderung ist die Servicestelle für aktuell sieben Hochschulen, die in NRW Talentförderung betreiben.

2011 startete die Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen das von ihr entwickelte Pilotprojekt „Meine Talentförderung“ und beschäftigte deutschlandweit den ersten Talentscout an einer Hochschule. Ziel ist die Förderung von Jugendlichen, die in weniger privilegierten Verhältnissen aufwachsen und für die trotz Begabung ein Studium bislang viel zu selten in Frage kommt.

Die Landesregierung will die systematische Förderung begabter Schüler aus Nichtakademiker-Familien weiter ausbauen. Ab 2017 sollen weitere Hochschulen an das Talentscouting-Zentrum der Fachhochschule Gelsenkirchen angeschlossen werden. Das Land stellt dafür jährlich 6,4 Millionen Euro zur Verfügung

Bis Ende des Jahres sollen 50 Talentscouts mit rund 100 Schulen im Ruhrgebiet zusammenarbeiten, um kluge Köpfe zu finden und Kinder frühzeitig auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Pionier unter den Talentscouts ist der inzwischen bundesweit bekannte Suat Yilmaz. Der Sozialwissenschaftler und Streetworker mit türkischen Wurzeln hat die frühe Unterstützung von Schülern an der Hochschule Gelsenkirchen etabliert und ist im September zum Leiter des NRW-Zentrums für Talentförderung ernannt worden.



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